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Museum

Mit dem Wiedenbrücker Schule Museum in Rheda-Wiedenbrück ist ein einmaliges Museum zur Stadt- und Wirtschaftsgeschichte entstanden. In der westfälischen Stadt Wiedenbrück waren Kunsthandwerk und Gewerbefleiß schon seit Jahrhunderten zu Hause, wie die vielen erhaltenen Fachwerkhäuser und die Exponate im Museum zur Geschichte des Handwerks und der Gilden zeigen. Diese Ausrichtung erfuhr in den Jahren 1845 bis 1920 mit der Gründung und Ansiedlung von über 25 Werkstätten für sakrale und profane Kunst eine bemerkenswerte Entwicklung.

Fotos: Jörg Pruss

Die Kunsttischler, Altarbildhauer, Maler, Polychromeure und weiteren Kunsthandwerker arbeiteten in verschiedenen Werkstätten arbeitsteilig und im gesamten Stadtgebiet als Netzwerk. Diese spezielle Arbeitsweise ist in der Wirtschafts- und Kunstgeschichte Deutschlands einmalig. In der Wissenschaft spricht man dabei von der “Wiedenbrücker Schule”, die auch Ausbildung, Marketing und Vertrieb ihrer Produkte und Förderung der Nachwuchskräfte berücksichtigt.

Das Wiedenbrücker Schule Museum ist in einem ehemaligen Werkstatthaus aus dem 19. Jahrhundert untergebracht. Das Werkstatthaus als Hinterhaus entstand zeitgleich mit dem Vorderhaus, dem auch als Wiedenbrücker Künstlerhaus bekannten Gebäude an der Rietberger Strasse 6 – 8.

Das gesamte Ensemble wurde 1904 von den beiden Firmeninhabern Franz Knoche und Bernhard Diedrichs erbaut. Das Vorderhaus war wie eine Art Musterbuch gestaltet und zeigt nach seiner Restaurierung wieder den alten Glanz und die hohe Schnitzkunst die hier zu Hause war. Das Werkstattgebäude fiel etwas schlichter aus, auch wenn Spitzbogenfenster und die Schnitzarbeiten an den Dachabschlüssen und Seitenflügel auf die besondere Verwendung und die ehemals hier gefertigten Produkte deuten.

Altäre wurden hier gefertigt. Arbeitsteilig in der Stadt mit Bild und Schnitzwerk versehen, farbig gefasst und ganz zum Schluss vor der Auslieferung an die Kunden hier im offenen westlichen Seitenflügel, dort wo sich heute das Museumstreppenhaus befindet, endmontiert. Bis zu 8 Meter konnten die Altarretabel betragen, kein Problem für die offene Konstruktion in diesem Teil des Hauses.

Diese Situation ist heute verschwunden, da der Raum, durch das Einziehen von Zwischendenken aufgeteilt wurde. Aber trotzdem können die Besucher der ehemaligen Raumsituation nachspüren, in dem sie einfach die Treppen hochsteigen. Der Handlauf bzw. die Sicherheitsabtrennung zum offenen Raum wird durch eine Glasscheibe gebildet, die einen Altar, der hier gefertigt wurde in Originalgröße 1 zu 1 zeigt. Mit dem Hochsteigen kommt man immer höher in dem Aufbau des Altarretabels und bekommt so eine Vorstellung von einem neugotischen Schnitzaltar.

Eine grandiose Wirkung geht bis heute von den vielen Schnitzornamenten und Figuren aus. Der Originalaltar aus der Altarbauwerkstatt Diedrichs & Knoche steht bis heute in der kath. Pfarrkirche von Bakum im südoldenburgischen Münsterland.

Im Erdgeschoss des Gebäudes kann man heute die Bau- und Werkstattgeschichte der Altarbauwerkstatt Diedrichs & Knoche kennen lernen. Im anschließenden Obergeschoss wird im Vorraum zum Hauptausstellungraum die Geschichte des Historismus als einmalige Stil- und Geistesbewegung des 19. Jahrhunderts in Deutschland vorgestellt.

Im anschließenden Werkstattraum betritt man das Herz der Wiedenbrücker Schule. In dem ehemaligen Werkstattraum ist die museale Präsentation der verschiedenen Beteiligten, Werkstätten und ihrer Produkte so aufgebaut, dass man als Besucherin das Gefühl hat, die verschiedenen Arbeitsstufen zu durchlaufen die man als Altarbauer und Holzbildhauer braucht, um einen Neugotischen Altar zu schaffen.

Von der Werkbank, zu den Modellen, dem Modellbau und dem Übertragen der Modelle auf die benötigten Werkstücke bis zum Endfinish der Polychromie (der farbigen Gestaltung) ist alles dabei. Auch die Kundenkorrespondenz, die fertigen Stücke oder Altargemälde, jedes gebrauchte Stück Kunst findet sich hier, ansprechend in Szene gesetzt.

Die Blütezeit der Wiedenbrücker Schule fällt in die Boomzeit des Kaiserreiches in Deutschland. Das rasante Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum führte zu einem großen Bedarf an Sakralräumen jeder Konfession. Synagogen, katholische und evangelische Kirchen wurden überall gebaut und brauchten entsprechende Innenausstattungen. Mit dem ersten Weltkrieg und dem Ende des Kaiserreiches und der großen Krisen war mit dem Boom im Bereich der sakralen Kunst Schluss.

Die Holzbildhauer konnten sich entweder nur spezialisieren oder sich im Bereich der Möbelindustrie ansiedeln. Viele Künstler der Wiedenbrücker Schule suchten und fanden ihre Nischen. Für Privatleute wurden Krippen geschnitzt oder profane, realistische Genrestücke, Landschaften oder Stillleben gemalt. Einige wenige blieben in der sakralen Kunst tätig. Wie es mit der Wiedenbrücker Scnhule weiterging, zeigen die beiden, dem Werkstattraum anschließenden Räume die sich mit den Nachfolgern der Wiedenbrücker Schule beschäftigen.

Das Dachgeschoss des Wiedenbrücker Schule Museums wartet mit den typischen Exponaten einer alten Stadt auf. Viele bereits im Vorgängermuseum gezeigten Objekte stammen aus archäologischen Ausgrabungen in der Stadt. Die Geschichte Wiedenbrücks wird hier wieder in die klassische Chronologie der Zeit eingeordnet, ohne allerdings dem Unterhaltungs- und Lernwert der vorrangegangenen Geschosse zu verlieren. In der mystischen Stimmung des Dachgeschosses könnten die Rechtsgeschichte, die Wirtschaftsgeschichte und die Kirchengeschichte der Hauptkirche St. Aegidius spannend erlebt und nachvollzogen werden.

Die Kabinettausstellung über Leben und Werk der Lyrikerin Luise Hensel rundet den Besuch ab.

Willkommen im Wiedenbrücker Schule Museum!

Hoetger-Gasse 1
33378 Rheda-Wiedenbrück

Telefon: 05242-3785526

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